Der Bibeldoktor │ Online-Proseminar #04

Diesmal erfahren Sie, was Exegese und Handwerk miteinander zu tun haben, und warum für Sie ab dieser Folge die Pflicht vorbei ist und die Kür beginnt.

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Zur Orientierung

Mit Textabgrenzung und Übersetzung (Folge 02), Gliederung und Kompositionsanalyse (Folge 03) lassen Sie einen ersten Bereich der Methodenschritte hinter sich, den man auch als erste Schritte der Texterschließung zusammenfassen kann. Diese Methodenschritte sollen Sie auf jeden Fall am Beginn Ihrer Proseminararbeit verwenden. Erst danach haben Sie die Wahl, welche zwei weiteren synchronen oder diachronen Methodenschritte Sie für Ihre Proseminararbeit auswählen möchten.

Falls Sie sich Fragen “Was war noch gleich synchron und was diachron?”, dann sei an die erste Folge erinnert. Dort finden Sie einen Überblick über die verschiedenen Methodenschritte und ihre Zuordnung:

Ab der heutigen Folge wird also Ihre semesterbegleitende Aufgabe sein, zusammen mit Ihrem Text-Team genau das herauszufinden:

  • Welche Schritte passen gut zu Ihrer Perikope (und gut zueinander)?
  • Welche Schritte gefallen Ihnen persönlich besonders gut?

Jede und jeder aus Ihrem Text-Team darf am Ende natürlich gerne andere Methodenschritte für die Proseminararbeit wählen.


Semantische Analyse

Die semantische Analyse geht den thematischen Schwerpunkten auf der Oberfläche eines Textes nach. Es handelt sich bei diesem Schritt also um eine Art methodisch reflektierte Inhaltsangabe.

Dass es bei der Semantik um den Inhalt dessen geht, was mit sprachlichen Zeichen ausgedrückt wird, zeigt schon der Ursprung des Wortes an. Der Begriff „Semantik“ hängt mit dem griechischen Wort σημαντικός/semantikós zusammen, das „zum Zeichen gehörend“ bedeutet.

Als „Semantik“ bezeichnet man „das sprachwissenschaftliche Teilgebiet, welches sich auf die Inhaltsaspekte von sprachlichen Einheiten und Strukturen, also die Bedeutung von Wörtern, Sätzen und Texten konzentriert.“ 1)Monika Schwarz-Friesel: Art. Semantik. V. Textlinguistisch, in: Oda Wischmeyer (Hrsg.): Lexikon der Bibelhermeneutik. Begriffe – Methoden – Theorien – Konzepte, Berlin: de Gruyter 2013, 541f., 541.

Wortsemantik und Textsemantik

Mit der Semantik von Wörtern haben Exegetinnen und Exegeten es zum Beispiel zu tun, wenn sie neutestamentliche Texte aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzen (vgl. Folge 02). Das semantische Hilfsmittel schlechthin ist dabei das Lexikon, das verschiedene mögliche Bedeutungen des griechischen Ursprungswortes in der Zielsprache (in unserem Fall meistens Deutsch) ausweist.

Im Proseminar soll es bei der semantischen Analyse aber nicht allein um die Wortsemantik gehen, sondern um die Textsemantik. Die semantische Analyse versucht im Sinne einer methodisch reflektierten Inhaltsangabe, den thematischen Schwerpunkten auf der Oberfläche eines Textes nachzugehen. Es sollen die Worte, die den Text bilden, in ihren Bedeutungen und Beziehungen zueinander untersucht werden. Der Schritt dient also letztlich dem Ziel, ein erstes Textverständnis zu vertiefen und durch Textbeobachtungen zu untermauern.

Das Vorgehen

Das Vorgehen lässt sich in drei Schritten beschreiben. Die Schritte eins und zwei sind dabei stark an der Wortsemantik orientiert, also an der Bedeutung der einzelnen Wörter, unabhängig von ihrem Zusammenhang im Text. Erst im dritten Schritt kommt in den Blick, wie die einzelnen Wörter im Text aufeinander bezogen sind. Am Ende der semantischen Analyse werden Sinnlinien (= Isotopien) eines Textes sichtbar. Sie strukturieren und durchziehen den gesamten Text.

Erster Schritt: semantisches Inventar erstellen

Zunächst geht es darum, bedeutungsgleiche oder bedeutungsähnliche Wörter in Gruppen zusammenzuführen. Solche Gruppen nennt man Wortfelder. In vielen neutestamentlichen Texten tauchen zum Beispiel folgende Wortfelder auf:

  • Personen: Jesus, Jünger …
  • Kommunikation: sagen, sprechen, rufen, schreien …
  • Bewegung: gehen, nachfolgen …
  • Familie: Sohn, Vater, Bruder, Kind …
  • Arbeit: Tagelöhner, arbeiten, Sklave …

Die semantische Analyse konzentriert sich auf die bedeutungstragenden Ausdrücke eines Textes, die man als autosemantische Begriffe bezeichnet. Das sind Begriffe, denen an sich schon eine Bedeutung anhaftet, also hauptsächlich Substantive, Adjektive, Verben und zum Teil Adverbien.

Vernachlässigt werden also zunächst die sogenannten synsemantischen Lexeme. Solche Wörter sind wichtig, um den Text auf sprachlicher Ebene zu organisieren und Beziehungen herzustellen, also etwa: Präpositionen, Artikel, Pronomen, Konjunktionen usw.

Wichtig: Wortfelder werden nicht von der Grammatik her gebildet, sondern sind von den Bedeutungen der grammatisch durchaus unterschiedlichen Wörter zu bestimmen.

Zweiter Schritt: semantische Oppositionen finden

Innerhalb einzelner Wortfelder und auch zwischen Wortfeldern kann es zu semantischen Oppositionen kommen. Solche Gegensatzbegriffe (gut – böse, hoch – tief) oder gegensätzliche Wortfelder (Armut – Reichtum) sind innerhalb der Texte zu identifizieren. Hilfreich ist hier eine schematische Darstellung. Wie der erste Schritt bewegt sich auch der zweite auf der Ebene der Wortsemantik.

Wichtig: Semantische Oppositionen sind von der Wortbedeutung her zu entwickeln (gut – böse) und nicht von dem, was im konkreten Einzeltext erzählt wird. Auch wenn sich im Text Rotkäppchen und der böse Wolf gegenüberstehen, handelt es sich hier nicht um eine semantische Opposition.

Dritter Schritt: Wortfelder und Oppositionen gruppieren

Erst im dritten Schritt kommt die Textsemantik in den Blick. Jetzt geht es darum, die Wortfelder und die semantischen Oppositionen miteinander zu vernetzen. Dazu werden alle Wortfelder und Oppositionen so in ein Schema gebracht, dass sich ein Gewinn für die Textinterpretation ergibt. Leitfragen können dabei sein:

  • Wie hängen die Wortfelder und Oppositionen zusammen?
  • Welches Wortfeld erscheint für den Text besonders wichtig (qualitativ und/oder quantitativ)?
  • Stehen bestimmte Wortfelder zwischen semantischen Oppositionen?

Praxistipp: Am besten fangen Sie mit der zentralen Opposition an und zeichnen Sie auf ein weißes Blatt Papier. Häufig markiert diese Opposition eine wichtige Entwicklung, die im Text erzählt wird. Ordnen Sie dann die weiteren Oppositionen zu. Zeichnen Sie sie jeweils dort ein, wo sie Ihnen sinnvoll erscheinen. Am Ende notieren Sie die Wortfelder an den passenden Stellen in Ihrem Schema.

Wie die semantische Analyse ganz handwerklich aussehen kann, zeigt Ihnen der Film im folgenden Beispiel.

Praxisbeispiel: Das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk 15,3–7)

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Im Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk 15,3–7) lassen sich folgende Wortfelder finden (doppelte Zuordnungen sind durchaus möglich):

  • Freude
  • Bewegung (zurücklassen, gehen, kommen …)
  • Besitz (haben, mein, verlieren …)
  • Finden
  • Gerechtigkeit (gerecht)
  • Mengenangaben (hundert, eines, neunundneunzig)
  • viel (hundert, neunundneunzig)
  • wenig (eines)
  • Personen (Mensch, Nachbarn, Freunde, Sünder)
  • Sünde (Sünder, umkehr)
  • Kommunikation (sagen, sprechen, zusammenrufen)
  • Tier (Schaf)
  • Umkehr (umkehren, zurück)

Besonders wichtige semantische Oppositionen sind:

  • verlieren vs. finden
  • viel vs. wenig
  • Sünder vs. gerecht

Daraus ergibt sich eine Gruppierung mit erster Auswertung: Der Text erzählt eine Entwicklung, die sich entlang der Opposition verlieren vs. finden erstreckt. Interessant ist, dass nur sehr wenig verloren geht, trotzdem aber der Suchprozess eingeleitet wird. Zwischen verlieren vs. finden ließe sich das Wortfeld Bewegung positionieren, weil der Verlust einen aktiven Prozess des Suchens in Gang setzt. Das Wortfeld Freude ist mit dem Finden verbunden, steht somit am Ende des Prozesses, ebenso sehr viel Kommunikation (zusammenrufen, sagen) und mehrere Personen (Freunde, Nachbarn). Am Ende steht somit eine freudige Gemeinschaft im Haus, die einen Gegensatz zum einen verlorenen Schaf in der Wüste bildet.

Die zweite wichtige Achse ist die Opposition Sünder vs. gerecht. Das eigentliche Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk 15,3–6) wird im letzten Vers (Lk 15,7) auf die Situation von Sündern angewendet. Dabei wird das einzelne verlorene Schaf mit einem einzelnen Sünder und die vielen Schafe mit vielen Gerechten verbunden. Die Botschaft: Gott geht es nicht um die Menge, auch der einzelne sündigende Mensch ist so wichtig wie dem Hirten ein einziges Schaf. Interessant ist: Während der Hirte aktiv nach dem Schaf sucht, ist der Mensch derjenige, der selbst aktiv werden, also umkehren muss.

Teamarbeit

Führen Sie in Ihrem Text-Team gemeinsam eine semantische Analyse Ihrer jeweiligen Perikope durch.

Wenn Sie fertig sind, schicken Sie mir (jeweils stichpunktartig und pro Gruppe nur einmal):

  • zwei Aha-Erlebnisse (was haben Sie durch den Methodenschritt an Ihrem Text neu entdeckt?),
  • zwei Fragen zum methodischen Vorgehen oder zwei Schwierigkeiten, mit denen Sie zu kämpfen hatten.

Schicken Sie mir Ihre Stichpunkte am besten via MS Teams bis zum 27. Mai 2020 zu.

Zum Weiterlesen

Ebner, Martin/Heininger, Bernhard: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (UTB 2677), Paderborn: Schöningh 42018, 97–99; 124f. → Lehrbuchsammlung der Bereichsbibliothek Theologie in Mainz und aus dem Netz der Uni Mainz auch als Volltext digital verfügbar

Egger, Wilhelm/Wick, Peter: Methodenlehre zum Neuen Testament. Biblische Texte selbständig auslegen (Grundlagen Theologie), Freiburg i. Br.: Herder 62011, 138–154. → Lehrbuchsammlung der Bereichsbibliothek Theologie in Mainz

Egger, Wilhelm: Nachfolge als Weg zum Leben. Chancen neuerer exegetischer Methoden dargelegt an Mk 10,17–31 (ÖBS 1), Klosterneuburg: Österreichisches Katholisches Bibelwerk 1979, bes. 79–120.

Schumacher, Frank/Steiner, Petra: Aspekte der Bedeutung: Semantik, in: Müller, Horst M. (Hrsg.): Arbeitsbuch Linguistik (UTB 2169), Paderborn: Schöningh 22009, 170–198 (wenn Sie interessiert, was „Semantik“ überhaupt ist). → aus dem Netz der Uni Mainz auch als Volltext digital verfügbar


Alle Beiträge vom Bibeldoktor finden Sie unter https://hoelschermichael.de/proseminar/

Dort finden Sie auch Hinweise zur Organisation des Proseminars (mit Teilnahmebedingungen), den Sendeplan für die einzelnen Folgen sowie erste Lese-Tipps und gängige Bibelausgaben.


Anmerkungen   [ + ]

1. Monika Schwarz-Friesel: Art. Semantik. V. Textlinguistisch, in: Oda Wischmeyer (Hrsg.): Lexikon der Bibelhermeneutik. Begriffe – Methoden – Theorien – Konzepte, Berlin: de Gruyter 2013, 541f., 541.

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