Der Bibeldoktor │ Online-Proseminar #02

Wie fange ich eigentlich an, wenn ich einen neutestamentlichen Text untersuchen will? Und was hat das mit der Podcast-Produktion zu tun? Diese und weitere Fragen beantwortet Ihnen die Folge 02 vom Bibeldoktor. Hören Sie rein!

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Der erste Schritt in der Exegese ist, den Text abzugrenzen, also Anfang und Ende des Textes zu bestimmen. Weil die neutestamentlichen Texte ursprünglich auf Griechisch verfasst wurden, gehört es am Anfang auch dazu, den Text ins Deutsche zu übersetzen, oder zumindest: vorhandene Übersetzungen zu vergleichen und zu überprüfen. Dazu finden Sie hier alle notwendigen Infos.


Anfang und Ende des Textes festlegen

Wozu Textabgrenzung?

Um eine Szene aus einer Netflix-Serie oder den Auszug aus einem Roman angemessen verstehen zu können, wäre es eigentlich notwendig, die gesamte Serie oder den ganzen Roman zu untersuchen. Das ist in der Praxis kaum leistbar. Auch in der Exegese hat man es mit umfangreichen Texten zu tun, die man nicht immer vollständig in den Blick nehmen kann. Die Textabgrenzung stellt Kriterien zur Verfügung, mit denen sich ein Teiltext aus seinem Gesamtzusammenhang herauslösen lässt, ohne dass es willkürlich würde. Einen solchen abgegrenzten Teiltext aus einem Buch der Bibel nennt man auch “Perikope”.

Perikope, die, stammt vom griechischen Wort perikoptō (περικόπτω) ab, was “ringsum behauen” oder “abhauen” bedeutet. Mit dem Begriff “Perikope” bezeichnet man einen Textauszug aus der Bibel, der im Gottesdienst verlesen oder in der Exegese interpretiert wird.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum Sie überhaupt noch die Textabgrenzung brauchen, weil der Bibeltext in Ihrer Bibelausgabe schon in Kapitel und Verse aufgeteilt und mit Absätzen und Zwischenüberschriften strukturiert ist. Das Problem ist: Kapitelüberschriften, gliedernde Absätzen und Nummerierungen gibt es in den alten Handschriften überhaupt nicht. Es gibt also zahlreiche unterschiedliche Möglichkeiten, den Text einzuteilen.

Hier ein kleiner Eindruck, wie eine alte Bibelhandschrift aussieht:

Seite aus dem Codex Sinaiticus (4. Jh. n. Chr.) mit dem Text von Mt 6,4–32 (Public Domain via Wikimedia Commons). Der Codex Sinaiticus ist auch online verfügbar.

Der Text ist Großbuchstaben (Majuskeln) geschrieben und Zwischenüberschriften, Kapitel- sowie Verseinteilungen sucht man vergebens. Es gibt noch nicht einmal Abstände zwischen den Wörtern. Solche Lese-Erleichterungen haben erst später in die Bibelausgaben Einzug gehalten. Die Einteilung in Kapitel wurde im 13. Jahrhundert von Stephan Langton vorgenommen. Die Zwischenüberschriften unserer modernen Bibelausgaben werden jeweils von den Herausgeberinnen und Herausgebern eingefügt und unterscheiden sich auch von Ausgabe zu Ausgabe.

Kriterien für die Abgrenzung

Keines der folgenden Kriterien kann allein eine Abgrenzung begründen. Es sollten immer möglichst viele Kriterien zutreffen, um eine Abgrenzung wasserdicht zu machen:

  • Ortswechsel (etwa Mt 19,1),
  • Personenwechsel (etwa Mt 19,3),
  • Zeitangaben (etwa Mk 11,19f.),
  • Gattungswechsel (etwa zwischen den Gleichnissen in Mk 4,1-34 und den Wundererzählungen ab Mk 4,35),
  • Veränderung des Erzählstils (Erzählerbericht, Dialog, Veränderung der Erzählperspektive, Zeitraffung, Zeitdehnung …),
  • Stilistische Argumente (z. B. Rahmungen [Inklusio], mehr dazu in der Kompositionsanalyse in Folge 03),
  • Summarien (= Zusammenfassungen, etwa Lk 1,80; 2,40), typische Abschlussformeln (etwa ein Chorschluss bei Wundererzählungen, etwa in Mk 2,12),
  • Wiederholungen (besonders in argumentativen Texten wie den Paulusbriefen),
  • Ende eines Spannungsbogens/Erzählfadens/Themas.

Vorgehen

In der Praxis sucht man nach diesen Kriterien an den vermeintlichen Rändern seines Teiltextes. Dabei darf man durchaus von einer konkreten Bibelausgabe ausgehen und die dort vorliegende Abgrenzung probeweise übernehmen. Dann prüft man mit Hilfe der Kriterien, ob diese Abgrenzung sinnvoll begründet werden kann.

Wenn man sich unsicher ist, ob ein Vers noch zur Perikope gehört oder nicht, kann es auch hilfreich sein, sich die Perikopen davor oder danach genauer anzuschauen: Ergibt ein Vers als Schlussvers der Perikope zuvor Sinn? Oder funktioniert ein vermeintlicher Schlussvers Ihrer Perikope besser als Einstiegsvers des folgenden Abschnitts? Dann lässt sich von dorther auch begründen, warum ein Vers nicht mehr zu Ihrer Perikope gehört.

Falls das alles nicht funktioniert: Es gibt auch das Phänomen der Scharnierverse. Das sind Verse, die zwischen zwei Perikopen stehen, die also zu keiner Perikope gehören und überleitenden Charakter haben. Sie bleiben als einzelne Verse zwischen zwei Perikopen stehen. So etwas kommt aber nicht sehr häufig vor.

Übung zum Einstieg

Und hier ein Beispiel, wie drei verschiedene Bibelausgaben diesen Text abgrenzen. Die Abgrenzung selbst ist bei den drei Übersetzungen exakt gleich, nur die Überschriften lauten jeweils anders.

Schreibaufgabe

Grenzen Sie Ihre Perikope ab und begründen Sie die Abgrenzung schriftlich.

Dazu gehen Sie am besten schrittweise vor:

  • Fertigen Sie erste Notizen an (Wo im Text findet sich welches der oben genannten Kriterien?),
  • bringen Sie die Notizen in einen Rohtext, in dem Sie die Abgrenzung des Textes begründen (nennen Sie immer auch die genauen Verse, auf die Sie sich beziehen).

Sie können gerne die Bibelübersetzung verwenden, die Sie zur Hand haben. Wenn Sie Sich schonmal an den eigentümlichen Klang einer sehr wörtlichen Übersetzung gewöhnen möchten, verwenden Sie das Münchener Neue Testament (MNT).

Schicken Sie mir Ihre ausformulierte Textabgrenzung als Textdokument per Mail oder via MS Teams bis zum 13. Mai 2020 zu.


Die Perikope übersetzen

Man versteht einen Text erst richtig, wenn man ihn selbst übersetzt. Indem man den griechischen Urtext einer neutestamentlichen Perikope in angemessenes Deutsch überträgt, findet man viele Besonderheiten des griechischen Textes heraus. Man muss sich Gedanken darüber machen, welcher deutsche Begriff den griechischen am besten wiedergibt. Man muss sich überlegen, was man damals mit einem Begriff gemeint hat und was man sagen muss, um möglichst das gleiche heute damit auszudrücken. Auch wenn man es nicht glauben mag: Übersetzen bedeutet interpretieren!

Häufig stößt man beim Übersetzen auch ganz nebenbei auf sprachliche Besonderheiten des Textes, entdeckt Wiederholungen von Begriffen oder ganzen Satzteilen, entdeckt Stilmittel im Text und vieles mehr. Wenn Sie bereits Griechisch gelernt haben, ist die Übersetzung Ihrer Perikope aus dem Griechischen ins Deutsche Teil Ihrer Proseminararbeit. Es gibt einige Hilfsmittel, die Sie dabei verwenden können:

  • Wilfrid Haubeck/Heinrich von Siebenthal: Neuer sprachlicher Schlüssel zum griechischen Neuen Testament. Matthäus bis Offenbarung, Gießen: Brunnen 22011. Der sprachliche Schlüssel geht das Neue Testament Vers für Vers durch, schlüsselt Formen auf und gibt Tipps zur Übersetzung. Das Buch finden Sie in der Bereichsbibliothek Theologie.
  • Mit dem Bible Online Learner können Sie sich über das Menü (“Text und Übungen”) einen hebräischen oder griechischen Text anzeigen lassen. Wenn Sie mit der Maus über einzelne Wörter fahren, bekommen Sie hilfreiche Informationen zu den Formen. Achtung: Der griechische Text stammt aus einer Edition von 1904 und entspricht daher nicht dem aktuellen Stand des Nestle-Aland (28. Auflage).
  • Ähnlich komfortable Funktionen zur Formbestimmung bietet Bibelsoftware, deren Anschaffung zum Teil mit Kosten verbunden ist. Bei Logos gibt es manchmal aber gute Starterpakete. Informationen dazu finden Sie auf der Bibelsoftware-Seite von Thomas Hieke.

Wenn Sie noch kein Griechisch gelernt haben, versuchen Sie, soweit wie möglich an die Erfahrung des Übersetzens heranzukommen. Dies tun Sie, indem Sie ausgewählte deutsche Übersetzungen miteinander vergleichen.

Alternativ: Übersetzungsvergleich

Mit einem Übersetzungsvergleich schärfen Sie das Verständnis dafür, dass Übersetzungen immer nur unvollständig an das sprachliche Original heranreichen. Zugleich spüren Sie Unterschiede in den Übersetzungen auf, die die Interpretation auf eine falsche Fährte lenken könnten. Der Übersetzungsvergleich dient also auch dazu, Fehlinterpretationen zu vermeiden und heikle Stellen im Text frühzeitig zu finden.

Arbeitsschritte beim Übersetzungsvergleich:

  • Schritt 1: Erstellen Sie eine Vers-für-Vers-Synopse mit drei ausgewählten Übersetzungen (welche Übersetzungen Sie wo online finden können, habe ich unten für Sie zusammengestellt).
    • Verwenden Sie dabei auf jeden Fall die Übersetzung des Münchener Neuen Testaments (MNT), 1)Oder eine andere sehr wörtliche Übersetzung des Neuen Testaments, etwa: Ernst Dietzfelbinger: Das Neue Testament. Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch, Neuhausen/Stuttgart: Hänssler 51994.
    • eine Übersetzung aus einem bibelwissenschaftlichen Kommentar (eine solche Übersetzung ist online leider selten zu finden, hierzu benötigen Sie die Bibliothek)
    • sowie eine gängige Bibelübersetzung, wie etwa die Einheitsübersetzung 2016, die Lutherübersetzung 2017 oder die Zürcher Bibel.

Das sieht dann etwa so aus:

Mk 10,42–44
Münchener Neues Testament (MNT)Joachim Gnilka (EKK II/2)Lutherbibel (LUT) 2017
42 Und Jesus rief sie zu sich und spricht zu ihnen: Ihr wisst, dass die, welche als Regenten der Nationen gelten, sie beherrschen und ihre Großen Gewalt gegen sie üben.   43 So aber ist es nicht unter euch; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein;   44 und wer von euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein.42 Und Jesus rief sie heran und sagt ihnen: Ihr wißt, daß die, welche die Völker zu beherrschen scheinen, sie unterdrücke, und ihre Großen die Gewalt gegen sie gebrauchen. 43 Nicht so aber ist es unter euch. Sondern wer unter euch der Größte werden will, werde euer Diener. 44 Und wer unter euch der Erste sein will, werde der Sklave von allen.42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.


  • Schritt 2: Gehen Sie die Synopse Vers für Vers durch und erfassen Sie die Unterschiede.
  • Schritt 3: Systematisieren Sie die Unterschiede. Leitfragen können dabei sein:
    • Welche semantischen Unterschiede fallen auf? Dabei geht es um Unterschiede in der Wortbedeutung, etwa „Sklave“ – „Knecht“ in Mk 10,44.
    • Welche Unterschiede im Satzbau fallen auf?
  • Schritt 4: Erfassen Sie die neuralgischen Punkte: Wo lassen sich besonders weitreichende Unterschiede ausmachen, die gegebenenfalls Konsequenzen für die Interpretation hätten? Leitfragen können hier sein:
    • Welche Wirkung löst ein Begriff bei heutigen Leserinnen und Lesern aus (vgl. etwa „Nation“ in Mk 10,42)?
    • Wird eine ähnliche Wirkung auch bei den anderen Übersetzungen erzielt oder nicht?

Diese Schritte stellen Arbeitsschritte dar, die Sie im Vorfeld durchführen. In der Arbeit selbst brauchen Sie den Vers-für-Vers-Durchgang (Schritt 2) nicht eigens zu beschreiben. Setzen Sie besser mit der Beschreibung der Ergebnisse aus der Systematisierung ein (Schritt 3). Besonderes Augenmerk sollte auch auf den Beobachtungen aus Schritt 4 liegen (Erfassen der neuralgischen Punkte).

Es hat sich als hilfreich erwiesen, die von Ihnen erstellte Synopse mit in die Arbeit aufzunehmen, gerne auch mit entsprechenden Markierungen der besonders auffälligen Unterschiede.

Zum Weiterlesen

Zur Textabgrenzung

Ebner, Martin/Heininger, Bernhard: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (UTB 2677), Paderborn: Schöningh 42018, 92f.; 113f. → Lehrbuchsammlung der Bereichsbibliothek Theologie in Mainz und aus dem Netz der Uni Mainz auch als Volltext digital verfügbar

Die Bibel und ihre Übersetzungen

Auf https://www.bibleserver.com/ finden Sie zahlreiche Übersetzungen online. Das Angebot reicht von der Einheitsübersetzung 2016 über die Lutherbibel 2017 bis hin zu vielen fremdsprachigen Übersetzungen.

Hainz, Josef (Hrsg.): Münchener Neues Testament. Studienübersetzung, Düsseldorf: Patmos 112013. hier (in älterer Auflage) online verfügbar

Michael Hölscher: „Fünf Brote und zwei Frikadellen“. Bibelübersetzungen (nicht nur) fürs Studium, in: Grammata (29. Mai 2015), online verfügbar: https://grammata.hypotheses.org/1398 (abgerufen am 17. April 2020).

Michael Hölscher: Neue Bibelübersetzungen online, in: Grammata (13. November 2016), online verfügbar: https://grammata.hypotheses.org/2475 (abgerufen am 17. April 2020).


Alle Beiträge vom Bibeldoktor finden Sie unter https://hoelschermichael.de/proseminar/

Dort finden Sie auch Hinweise zur Organisation des Proseminars (mit Teilnahmebedingungen), den Sendeplan für die einzelnen Folgen sowie erste Lese-Tipps und gängige Bibelausgaben.


Anmerkungen   [ + ]

1. Oder eine andere sehr wörtliche Übersetzung des Neuen Testaments, etwa: Ernst Dietzfelbinger: Das Neue Testament. Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch, Neuhausen/Stuttgart: Hänssler 51994.

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