Der Bibeldoktor │ Online-Proseminar #03

Diesmal geht’s um Produktdesign und um das Design von Texten.

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Nachdem Sie Ihre Perikope von außen abgegrenzt und damit vom Kontext gelöst haben (Folge 02), widmen Sie sich Ihrer ausgewählten Perikope und untersuchen ihre Struktur.

Ein erster Schritt ist dabei die Gliederung. Sie knüpft insofern direkt an die Textabgrenzung an, als sie mit ähnlichen Kriterien arbeitet und den Text in kleine thematische Blöcke zerlegt. Ziel ist es, die Perikope in sinnvolle Abschnitte (oder besser: Textteile) einzuteilen. Die Analyse der Komposition richtet den Blick im Anschluss auf sprachliche Strukturen, die diese Textteile ins Verhältnis setzen und manche Abschnitte besonders hervorheben.

Vorweg: Neuschreiben des Textes

Bei den Methodenschritten, die die Textstruktur im Blick haben, muss der Text erst einmal so aufbereitet werden, dass Textstrukturen überhaupt erkennbar werden. Sehr viel stärker als wir es heute gewohnt sind, hat man in der Antike die Struktur des Textes bereits beim Schreiben im Blick gehabt. Leider sind solche strukturierenden Elemente in den gängigen Editionen nicht mehr gut erkennbar. Sie werden aber wieder sichtbar, wenn man den Text neu schreibt. Dies gelingt am besten mit dem griechischen Urtext oder – hilfsweise – mit einer sehr wörtlichen Übersetzung des Neuen Testaments. Eine Faustregel kann dabei sein: Nur ein (finites) Verb pro Zeile. Nummerieren Sie die einzelnen Teilverse mit Kleinbuchstaben durch. Für Mk 10,42–44 sieht das dann etwa so aus:

42a   Und Jesus rief sie zu sich
42b   und spricht zu ihnen:
42c       Ihr wisst,
42d      dass die,
42e       welche als Regenten der Nationen gelten,
42f       sie beherrschen
42g      und ihre Großen Gewalt gegen sie üben.
43a       So aber ist es nicht unter euch;
43b      sondern wer unter euch groß werden will,
43c       soll euer Diener sein;
44a       und wer von euch der Erste sein will,
44b      soll aller Sklave sein.

Wie im Beispiel geschehen, kann es auch hilfreich sein, wörtliche Rede im Text zu markieren, indem der Text noch weiter eingerückt wird (V. 42c–44b) als die Rahmenhandlung (V. 42ab). Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, enthält V.42d kein finites Verb. Dies folgt erst in V. 42f. Dennoch wurde hier ein Zeilenwechsel vorgenommen, weil mit 42e ein Relativsatz vorliegt, der selbst ein finites Verb enthält. In solchen und ähnlichen Fällen entscheiden Sie selbst, welche Zeileneinteilung Ihnen für Ihre Perikope am sinnvollsten erscheint.

Der so aufbereitete Text dient jetzt als Grundlage für alle weiteren Arbeitsschritte. Am besten speichern Sie ihn so ab, dass Sie ihn für jeden Methodenschritt neu (das heißt: ohne Markierungen) wieder aufrufen können.

Die Gliederung

Mit der Textabgrenzung haben Sie bereits die äußeren Grenzen Ihres Textes erfasst. Jetzt schauen Sie sich die kleineren Einschnitte innerhalb ihres abgegrenzten Textes an, die es erlauben, die Perikope in kleinere Abschnitte oder Textteile zu gliedern. Dabei dürfen Sie gerne zunächst einfach Ihrer Intuition folgen und dort Einschnitte setzen, wo es Ihnen auf den ersten Blick plausibel erscheint. Im zweiten Schritt sollte die intuitive Gliederung aber anhand von Kriterien geprüft und begründet werden. Dazu können wieder die Kriterien der Textabgrenzung heranziehen.

Während es bei der Textabgrenzung darauf ankommt, möglichst viele Kriterien zu finden, die für einen Einschnitt sprechen, kann bei der Gliederung auch schon ein einfacher Personenwechsel oder ein einfacher Zeitwechsel für einen Einschnitt sprechen. Zusätzlich zu den Kriterien, die bereits aus der Textabgrenzung bekannt sind, können für die Gliederung auch Frage- und Antwortschemata eine Orientierung sein, die in erzählenden Texten wie den Evangelien häufig vorkommen. In argumentativen Texten wie den Paulusbriefen können Leitbegriffe ein wichtiges Gliederungskriterium sein, die einen Abschnitt durchziehen, bevor in einem neuen Abschnitt ein neuer Begriff bestimmend wird.

Häufig ist es möglich, übergeordnete und untergeordnete Abschnitte in der Gliederung zu unterscheiden. Probieren Sie aus, ob eine solche differenzierte Gliederung auch bei Ihrer Perikope funktioniert.

Hier ein Beispiel, wie eine Gliederung für das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk 15,3–7) aussehen kann (verwendet wurde die Übersetzung des Münchener Neuen Testaments):

Analyse der Komposition

Wenn Sie den Text gegliedert und damit die verschiedenen Teile des Textes erfasst haben, haben Sie bereits eine erste Strukturierung des Textes vorgenommen. Die Analyse der Komposition knüpft an die Gliederung des Textes an, schaut aber genauer darauf, wie der Text sprachlich strukturiert ist. Man sucht also beispielsweise nach Wiederholungen von Leitbegriffen oder Satzteilen, schaut, ob es rahmende Strukturen gibt, die einen bestimmten Abschnitt als besonders wichtig markieren, und vieles mehr.

Am Ende können Sie mit Hilfe dieser Erkenntnisse aus der Kompositionsanalyse die Gliederung verfeinern. Manche Beobachtungen liefern Ihnen zusätzliche Argumente für einen Gliederungseinschnitt, andere Beobachtungen signalisieren, wie die Gliederungsabschnitte zu gewichten sind: So kann eine Rahmung beispielsweise den Abschnitt, den sie rahmt, besonders hervorheben.

Typische Textstrukturen

Als kompositionelle Merkmale eines Textes lassen sich zunächst die folgenden Textphänomene erfassen, die den Text sprachlich strukturieren:

  • Wiederholungen von Wörtern, Wortfolgen und erzählerischen Strukturen, also das Phänomen des Parallelismus:
    • Definition: Gleichrangige syntaktische Einheiten werden symmetrisch wiederholt, wobei etwa die gleiche Anzahl von Worten verwendet wird. Das Strukturschema ist so: A-B│A’-B’.
    • Beispiel: „Tod, wo ist dein Sieg? / Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Kor 15,55; EÜ 2016).
    • Biblisch ist der Parallelismus vor allem als Parallelismus membrorum belegt, in dem die zweite Einheit die vorhergehende noch einmal (anders) inhaltlich akzentuiert. Varianten sind:
      • der synonyme Parallelismus (beide Formulierungen sind inhaltlich ähnlich, vgl. Jes 40,3),
      • der antithetische Parallelismus (beide Einheiten sind gegenläufig, vgl. Mt 11,17)
      • und der synthetische Parallelismus (die zweite Formulierung führt die erste weiter aus bzw. variiert sie, vgl. Ps 74,12).      
  • Überkreuzstellung von Satzstrukturen, also das Phänomen des Chiasmus:
    • Definition: Ein Chiasmus ist eine symmetrische Überkreuzstellung gleichrangiger syntaktischer Einheiten (nach dem griechischen Buchstaben X [Chi] benannt). Die Struktur ist: A-B│B’-A’. Es handelt sich also um das Gegenstück des Parallelismus.
    • Beispiel: „Wer Blut des Menschen vergießt, durch den Menschen werde vergossen sein Blut“ (Gen 9,6; Buber/Rosenzweig).
  • Rahmungen (inclusio/Ploke) durch Stichwörter oder Satzstrukturen (etwa Parallelismus oder Chiasmus):
    • Definition: Dasselbe Wort eröffnet und schließt einen Satz. Oft auch einfach eine rahmende Struktur, die eine größere Einheit umschließt und mehr als ein Wort umfasst.
    • Ein Beispiel ist etwa Röm 6,10:
Zwei rahmende Strukturen (ein Parallelismus und ein Chiasmus) umschließen einen zentralen Satz.

Das Beispiel zeigt die Struktur A-B-C-A’-B’: Zwei parallele Sätze (A-B und A’-B’) umschließen eine zentrale Aussage (C). Beliebt sind aber auch chiastische Strukturen (A-B-B’-A’), parallele Strukturen (A-B-A’-B’) oder inklusorische Strukturen (A-B-C-B’-A’). Auch Mischformen sind denkbar, etwa chiastisch-inklusorische Verklammerungen: A-B-C-D-B’-C’-A’).

Stilmittel

Die Kompositions hat in erster Linie die Strukturen des Textes im Blick. Aber häufig ist es sinnvoll, auch weitere rhetorische Mittel im Text zu suchen, die den Text rhythmisieren und gewisse Wirkungen bei den Leserinnen und Lesern hervorrufen können. Das können beispielsweise Alliterationen oder Anaphern sein. Eine Liste mit allerlei Strukturen und Stilmitteln habe ich hier für Sie zusammengestellt.

Praktisches Vorgehen

Am einfachsten machen Sie es sich selbst, wenn Sie den entsprechend neu formatierten Text mit Buntstiften bearbeiten, wiederkehrende Strukturen und Leitworte, die mehrfach auftauchen, markieren.

Wichtig ist, dass Sie die Baustruktur eines Textes nicht nur erfassen, sondern auch auswerten. Dies tun sie, indem Sie hervorheben, welche Bedeutung ein Textphänomen für die Interpretation hat. Ein paar Beispiele:

  • Eine Rahmung (inclusio) weist häufig darauf hin, dass zwischen den rahmenden Elementen etwas Wichtiges steht.
  • Parallele Elemente können ein Hinweis sein, dass Leserinnen und Leser etwas vergleichen oder eine Entwicklung im Text wahrnehmen sollen.
  • Chiasmen können etwa Irritationen bei den Leserinnen und Lesern hervorrufen oder einen inhaltlichen Gegensatz unterstreichen.

Prüfen Sie auch, ob Ergebnisse aus der Kompositionsanalyse zusätzliche Argumente für Ihre Gliederung liefern oder ob es Widersprüche gibt. Wenn Sie zusätzliche Argumente für die Gliederung gewinnen, umso besser! Falls Widersprüche auftauchen, muss die Gliederung möglicherweise überarbeitet werden. Auf jeden Fall müssen Sie solche Widersprüche benennen und diskutieren.

Schreibaufgabe

Schritt 1: Schreiben Sie Ihren Bibeltext zunächst neu.

Schritt 2: Gliedern Sie den so aufbereiten Text, indem Sie direkt im Text Markierungen vornehmen: (1) Markieren Sie im Text, wo Sie Gliederungskriterien ausmachen (Personenwechsel usw.). (2) Markieren Sie die Stellen, wo Sie Einschnitte setzen möchten. Unterscheiden Sie auch zwischen Grob- und Feingliederung. (3) Notieren Sie Überschriften für die verschiedenen Textabschnitte.

Schritt 3: Nehmen Sie sich eine neue, unmarkierte Ausgabe Ihres Textes und notieren Sie sprachliche Strukturen im Text (so wie oben im Beispiel zu Röm 6,10). Versuchen Sie auch, mindestens drei weitere Stilmittel aus der Liste in Ihrem Text zu finden. Markieren und benennen Sie diese.

Schicken Sie mir eine digitale Fassung ihrer Notizen per Mail oder via MS Teams bis zum 20. Mai 2020 zu.

Zum Weiterlesen

Ebner, Martin/Heininger, Bernhard: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (UTB 2677), Paderborn: Schöningh 42018, 96f.; 118–121. → Lehrbuchsammlung der Bereichsbibliothek Theologie in Mainz und aus dem Netz der Uni Mainz auch als Volltext digital verfügbar

Egger, Wilhelm/Wick, Peter: Methodenlehre zum Neuen Testament. Biblische Texte selbständig auslegen (Grundlagen Theologie), Freiburg i. Br.: Herder 62011, 125f. → Lehrbuchsammlung der Bereichsbibliothek Theologie in Mainz

Hölscher, Michael: Form Follows Function. Stilmittel in der Bibel, in: Grammata (21. April 2020), online verfügbar: https://grammata.hypotheses.org/4350 (abgerufen am 5. Mai 2020).

Meurer, Thomas: Einführung in die Methoden alttestamentlicher Exegese (Münsteraner Einführungen – Theologische Arbeitsbücher 3), Münster: Lit 1999, 39–54.


Alle Beiträge vom Bibeldoktor finden Sie unter https://hoelschermichael.de/proseminar/

Dort finden Sie auch Hinweise zur Organisation des Proseminars (mit Teilnahmebedingungen), den Sendeplan für die einzelnen Folgen sowie erste Lese-Tipps und gängige Bibelausgaben.


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