Der Bibeldoktor │ Online-Proseminar #11

Sollte Ihr Browser hier nichts anzeigen, klicken Sie bitte hier.

Material zum Podcast: Fahrplan Proseminararbeit


Lehnen Sie sich zurück, schließen Sie die Augen und hören Sie sich die folgenden Texte an. Achten Sie darauf, welche Gefühle die Texte bei Ihnen auslösen.

Hörbeispiel 1
Hörbeispiel 2

Immer, wenn wir es mit Sprache zu tun haben, nehmen wir nicht die reine Information aus einer mündlichen oder schriftlichen Mitteilung wahr. Unser Verstehen wird auch von anderen Faktoren gesteuert, die wir uns häufig gar nicht bewusstmachen. Dazu gehört auch die Gattung von Texten.

Die Gattung bestimmt entscheidend, wie wir einen Text auffassen. Normalerweise haben wir ein Gespür dafür entwickelt, welchen Text wir wie zu verstehen haben. Wir ordnen Texte nämlich ganz automatisch bestimmten Gattungen zu und lesen Texte unterschiedlicher Gattungen durchaus sehr unterschiedlich:

  1. Ein Rezept für ein italienisches Abendessen (Hörbeispiel 1) lesen wir als Hilfestellung fürs Kochen. Es löst bei uns vielleicht Entspannung und Vorfreude aus.
  2. Eine Mitteilung vom Prüfungsamt (Hörbeispiel 2) lesen wir als vielleicht unliebsame Vorschrift, die Stress und Angstschweiß hervorruft.

Wir können meistens sehr schnell einordnen:

  • Ist ein Text lustig oder ernst gemeint?
  • Ist der Text bürokratisch (und damit wichtig) oder alltäglich (und damit eher zu vernachlässigen)?
  • Will mich der Text unterhalten oder muss ich Angst vor ihm haben?

Das alles sind Lektüre-Perspektiven, die maßgeblich auch mit der Gattung von Texten zu tun haben, mit der sich die neutestamentliche Gattungskritik beschäftigt.

Die Gattungskritik

Wie funktionieren Gattungen?

Texte können bestimmte gemeinsame Merkmale haben, die sie als einer übergeordneten Gattung zugehörig erkennen lassen. Zu einem Rezept gehört etwa der Listencharakter sowie die Tatsache, dass es sich bei allem, was da aufgelistet wird, um Zutaten handelt, aus denen ein Gericht entsteht. Obwohl die Ähnlichkeit mit der Einkaufsliste groß ist, erkennen wir doch sofort den Unterschied, weil eine Einkaufsliste eben auch Dinge enthält, die man nicht verspeisen kann.

Was in unserem Kopf abläuft, wenn wir es mit Texten bestimmter Gattungen zu tun bekommen:

Wir lesen

  1. einen einzelnen Text,
  2. gleichen ihn automatisch mit zahlreichen anderen Texten ab, die ähnlich strukturiert sind
  3. und erkennen schließlich die Gattung, die all diesen Texten zu Grunde liegt und lesen den individuellen Text vor diesem Hintergrund.

Gattungen sind somit etwas Abstraktes oder etwas Virtuelles. Martin Ebner und Bernhard Heininger definieren „Gattung“ entsprechend als

„ein sprachliches Muster, ein Raster, nach dem Texte aufgebaut sind. Die Gattung selbst ist kein Text, sondern ein virtuelles Schema, das die Produktion von gesprochenen und geschriebenen Texten steuert“

Ebner, Martin/Heininger, Bernhard: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (UTB 2677), Paderborn: Schöningh 42018, 184.

Was ist bei antiken Gattungen anders?

Lesen wir die biblischen Texte, dann funktioniert dieser Automatismus der Gattungsbestimmung in der Regel nicht, weil wir nicht mit den antiken Gattungen aufgewachsen sind. Wir haben eben nicht unmittelbar Vergleichstexte im Kopf, die uns die Gattung eines individuellen Textes erkennen lassen und beim Einordnen und Verstehen dieses Textes helfen.

Es braucht den exegetischen Methodenschritt der Gattungskritik, um den biblischen Gattungen auf die Spur zu kommen. Dabei sind die Ziele der Gattungskritik,

  • die sprachlichen Muster eines Einzeltextes herauszuarbeiten,
  • mit Hilfe von Vergleichstexten die Gattung zu bestimmen und ein Gattungsschema zu erstellen,
  • die Unterschiede zwischen Einzeltext und Gattungsschema zu analysieren:
    • Was ist typisch, was untypisch?
    • Welche Aspekte werden im Einzeltext besonders markant hervorgehoben?
  • das Interesse hinter den Abweichungen zu erfassen.

Gattungskritik: Praktisches Vorgehen

Sie finden im Folgenden wieder das klassische Vorgehen, das Ihnen Schritt für Schritt die Methode vorstellt. Da es aber schon viele gute Vorarbeiten von anderen im Bereich der Gattungsanalyse gibt und manche Schritte nicht ganz einfach sind (vgl. Schritt 3), können Sie auch die Literatur zur Hilfe nehmen und das Vorgehen damit etwas abkürzen. Die Literaturliste finden Sie unten.

Schritt 1: Den Untersuchungstext abgrenzen (Literarkritik oder Textabgrenzung)

Wenn Sie eine Kleingattung untersuchen möchten, die Teil einer größeren Gattung, etwa eines Evangeliums ist, müssen Sie zunächst begründen, warum Sie dieses Textstück aus dem Kontext herauslösen dürfen. Dies können Sie – je nach Fragestellung – mit Hilfe der Literarkritik (diachrones Vorgehen) oder mit Hilfe der Textabgrenzung (synchrones Vorgehen) tun.

Schritt 2: Die individuelle Form beschreiben (typische Motive im Text)

Im nächsten Schritt müssen Sie die Struktur des individuellen Textes möglichst allgemein beschreiben, um ihn später mit anderen Texten vergleichen zu können. Es geht nicht um erzählerische Details, sondern etwa darum, dass eine Figur auftritt, dass bestimmte Orte oder Zeiten genannt werden. Am Ende haben Sie eine Liste von sogenannten Motiven vorliegen, also typischen Bausteinen, die Ihr Text enthält. Gerd Theißen, der sich mit Wundererzählungen beschäftigt hat, nennt etwa als typische Motive in Wundererzählungen: 1)Vgl. Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien (StNT 8), Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1974, bes. 57–83 (für die einzelnen Motive).

  • Kommen des Wundertäters,
  • Auftreten eines Hilfsbedürftigen
  • Berührung
  • Demonstration
  • Entlassung

Schritt 3: Vergleichstexte finden

Hierbei müssen Sie nach antiken Texten aus dem Umfeld des Neuen Testaments suchen, die eine ähnliche Form haben wie der neutestamentliche Text, den Sie durch diese Gattungsanalyse zu verstehen versuchen.

Schritt 4: Gattungsschema erstellen & mit dem Ausgangstext vergleichen

Am Ende steht Sie eine Liste mit typischen Motiven, die alle Texte dieser Gattung verbinden: das Gattungsschema. Solch ein Schema enthält sowohl die zwingend notwendigen Motive für diese Gattung als auch die fakultativen Motive, also die Bausteine, die in Texten dieser Gattung vorhanden sein können, aber nicht müssen.

Besonders interessant ist jetzt, den Ausgangstext mit dem Schema zu vergleichen:

  • Welche Motive entsprechen dem Gattungsschema?
  • Wie ausführlich oder knapp werden einzelne Motive erzählerisch ausgestaltet?
  • Welche zusätzlichen Aspekte kommen im Text vor, die vom Schema her eigentlich nicht notwendig wären und mit welcher Absicht könnte dies verbunden sein?

Der Sitz im Leben antiker Gattungen

Wenn Sie sich an das Hör-Experiment vom Anfang erinnern, dann werden Sie vermutlich feststellen, dass bestimmte Gattungen auch immer ganz automatisch typische soziale Situationen oder Orte in Ihrem Kopf erscheinen lassen. Bei einem Pizzarezept denken Sie vermutlich an die Küche daheim oder bei Freunden, bei einer Richtlinie des Prüfungsamtes zur Prüfungsorganisation sicherlich an knarrende Hörsaalbestuhlung und eine hierarchische Kommunikationssituation.

Wir ordnen Texte, die wir hören oder lesen, also nicht nur intuitiv Gattungen zu. Wir haben auch unmittelbar soziale Gegebenheiten, Kommunikationssituationen und typische Orte vor Augen, die mit dieser Gattung zwingend verbunden sind. Kurz: Wir wissen, was die typische Verwendungssituation einer Gattung ist. Und genau diese typische Verwendungssituation von Gattungen erforscht die Frage nach dem Sitz im Leben.

Problem: Wechselnder Sitz im Leben

Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, dass Kleingattungen wie Gleichnisse oder Wundergeschichten im Neuen Testament Teil von größeren Schriften geworden sind. Die Frage nach dem Sitz im Leben ist an der ursprünglichen, mündlichen Kommunikationssituation interessiert und nicht an den literarischen Zusammenhängen innerhalb des Evangeliums.

Die Schwierigkeit besteht also darin, dass Kleingattungen innerhalb des Neuen Testaments aus ihrem schriftlichen Zusammenhang herausgelöst werden müssen, um sie dann in ihren ursprünglichen Verwendungssituationen zu betrachten. Damit kommen dann automatisch alle möglichen Gleichnisse in den Blick, die Jesus und seine Zeitgenossen erzählten. Oder es kommen alle möglichen Wundergeschichten in den Blick, mit denen berühmte Personen als etwas Besonderes vorgestellt werden sollten.

Leitfragen zur Analyse des Sitzes im Leben

Hermann Gunkel (1862–1932) ist der Begründer dieser Frage nach dem Sitz im Leben. Mit den von ihm entwickelten Fragen lässt sich der Sitz im Leben grob erfassen:

  • Wer ist es, der redet?
  • Wer sind die Zuhörer?
  • Wie lässt sich die zugrundeliegende kommunikative Situation beschreiben?
  • Welche Wirkung wird erstrebt?

Gerd Theißen hat ein methodisch etwas differenzierteres Verfahren entwickelt, um das Verhältnis zwischen einer Gattung und ihrer typischen Alltagssituation zu bestimmen. Dabei werden nicht nur Merkmale des untersuchten Textes selbst erfasst (Schritt 1), sondern auch typische Gebrauchssituationen der frühen Christinnen und Christen einbezogen (Schritt 2) und als mögliche Hintergründe für den untersuchten Text abgeklopft. Ähnliche jüdische und hellenistische Texte im Umfeld werden ebenfalls in die Analyse einbezogen (Schritt 3): 2)Vgl. Theissen, Gerd: Die soziologische Auswertung religiöser Überlieferungen. Ihre methodologischen Probleme am Beispiel des Urchristentums, in: Ders.: Studien zur Soziologie des Urchristentums (WUNT 19), Tübingen: Mohr 1979, 35–54.

  • Analytisches Rückschlussverfahren: Dieser Schritt geht von den typischen Strukturen der Texte einer Gattung aus, sucht im Text selbst nach Daten, die sich für die Rekonstruktion einer möglichen Kommunikationssituation auswerten lassen.
  • Konstruktives Rückschlussverfahren: Dieser Schritt bringt die konkrete Gattung mit immer wieder auftauchenden Gebrauchssituationen der urchristlichen Bewegung in Verbindung, die aus anderen Quellen erschlossen werden können. Beispielsweise: Wanderradikalismus (als soziologisches Phänomen der Jesusbewegung), Hausgemeinden usw.
  • Komparatives Rückschlussverfahren: Dieser Schritt sucht nach Analogien in jüdischen und hellenistischen Texten, die Auskunft über den Sitz im Leben geben könnten.

Teamarbeit

Aufgabe für die Text-Teams, die eine Wundergeschichte untersuchen:

  • Informieren Sie sich mit Hilfe der unten verlinkten Literatur über die verschiedenen Untergattungen von Wundergeschichten.
  • Ordnen Sie Ihre Perikope einer Untergattung zu.

Aufgabe für die Text-Teams, die ein Gleichnis untersuchen:

  • Informieren Sie sich mit Hilfe der unten verlinkten Literatur über die verschiedenen Unterformen der Gleichnisse.
  • Ordnen Sie Ihre Perikope einer Unterform zu.

Die Informationen können Sie beziehen aus:

Bull, Klaus-Michael: Bibelkunde des Neuen Testaments. Die kanonischen Schriften und die Apostolischen Väter. Überblicke – Themakapitel – Glossar, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 82019, 191–193. Das Kapitel über Wundergeschichten ist online abrufbar unter: https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-nt/wunder-im-nt/ (Zugriff am 02.07.2020).

Erlemann, Kurt: Art. Gleichnisse (NT), in: Wibilex, online abrufbar unter: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/51967/ (Zugriff am 02.07.2020).


Zum Weiterlesen

Zur Gattungskritik

Ebner, Martin/Heininger, Bernhard: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (UTB 2677), Paderborn: Schöningh 42018, 183–208. → Lehrbuchsammlung der Bereichsbibliothek Theologie in Mainz und aus dem Netz der Uni Mainz auch als Volltext digital verfügbar

Zum Sitz im Leben

Ebner, Martin/Heininger, Bernhard: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (UTB 2677), Paderborn: Schöningh 42018, 209–240. → Lehrbuchsammlung der Bereichsbibliothek Theologie in Mainz und aus dem Netz der Uni Mainz auch als Volltext digital verfügbar

Theissen, Gerd: Die soziologische Auswertung religiöser Überlieferungen. Ihre methodologischen Probleme am Beispiel des Urchristentums, in: Theissen, Gerd: Studien zur Soziologie des Urchristentums (WUNT 19), Tübingen: Mohr 1979, 35–54.

Zu Gattungen im Neuen Testament

Allgemein

Berger, Klaus: Formgeschichte des Neuen Testaments, Heidelberg: Quelle und Meyer 1984.

Berger, Klaus: Hellenistische Gattungen im Neuen Testament, in: ANRW II 25,2 (1984) 1031–1432.1831–1885 (sukzessive Besprechung beinahe aller vorhandenen Groß- und Kleingattungen).

Berger, Klaus: Formen und Gattungen im Neuen Testament (UTB 2532), Tübingen: Francke 2005.

Reiser, Marius: Sprache und literarische Formen des Neuen Testaments. Eine Einführung (UTB.W 2197), Paderborn: Schöningh 2001.

Großgattungen

Briefe

Klauck, Hans-Josef: Die antike Briefliteratur und das Neue Testament. Ein Lehr- und Arbeitsbuch (UTB.W 2022), Paderborn: Schöningh 1998.

Evangelien

Frankemölle, Hubert: Evangelium – Begriff und Gattung. Ein Forschungsbericht (SBB 15), Stuttgart: Katholisches Bibelwerk 1988.

Frickenschmidt, Dirk: Evangelium als Biographie. Die vier Evangelien im Rahmen antiker Erzählkunst (TANZ 22), Tübingen: Francke 1997.

Kleingattungen

Gleichnisse

Erlemann, Kurt/Nickel-Bacon, Irmgard/Loose, Anika: Gleichnisse – Fabeln – Parabeln. Exegetische, literaturtheoretische und religionspädagogische Zugänge (UTB 4134), Tübingen: Francke 2014.

Via, Dan Otto: Die Gleichnisse Jesu. Ihre literarische und existentiale Dimension (Beiträge zur evangelischen Theologie 57). Übersetzt v. Erhardt Güttgemanns, München: Kaiser 197, 22–24 (zur Unterscheidung von Gleichnis, Parabel und Beispielgeschichte).

Klauck, Hans-Josef: Art. Gleichnis, Gleichnisforschung, in: NBL I (1991) 851–856.

Zimmermann, Ruben (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 22015.

Wundergeschichten

Theissen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien (StNT 8), Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1974.

Herzog, Rudolf: Die Wunderheilungen von Epidauros. Ein Beitrag zur Geschichte der Medizin und der Religion (Ph.S 22,3), Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 1931.

Zimmermann, Ruben (Hrsg.): Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen. Band 1: Die Wunder Jesu, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2013.

Zimmermann, Ruben (Hrsg.): Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen. Band 2: Die Wunder der Apostel, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2017.


Alle Beiträge vom Bibeldoktor finden Sie unter https://hoelschermichael.de/proseminar/

Dort finden Sie auch Hinweise zur Organisation des Proseminars (mit Teilnahmebedingungen), den Sendeplan für die einzelnen Folgen sowie erste Lese-Tipps und gängige Bibelausgaben.


Anmerkungen

↑ 1. Vgl. Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien (StNT 8), Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1974, bes. 57–83 (für die einzelnen Motive).
↑ 2. Vgl. Theissen, Gerd: Die soziologische Auswertung religiöser Überlieferungen. Ihre methodologischen Probleme am Beispiel des Urchristentums, in: Ders.: Studien zur Soziologie des Urchristentums (WUNT 19), Tübingen: Mohr 1979, 35–54.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ein Gedanke zu „Der Bibeldoktor │ Online-Proseminar #11